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Anti-AIDS-Kampagne: Aids is a mass murderer

Anti-AIDS-Kampagne: Aids is a mass murderer

Der Aufreger der Woche war ein Werbespot aus der Kampagne „Aids ist ein Massenmörder“ initiiert vom Verein Regenbogen e.V. aus Saarbrücken produziert von der (laut eigenem Slogan) kleinsten kreativsten Agentur Deutschlands „das comitee“

Leider ist die Homepage des Vereins derzeit offline; warum weiss ich nicht. Die Daten habe ich aus dem Internet-Archiv recherchiert. Dort gibt es weitere Infos über den Verein zum Nachlesen.
Zum Verein gibt es einige recherchierte Informationen, die man im Blog nachlesen kann.

Der Verein hat einen ( oder mehrere ?) Spot, Plakate und einen Audiobeitrag produzieren lassen. Die gewählten Motive, die als Anti-Aids-Prävention gedacht sind, lassen aber offensichtlich sehr viel Raum für Missverständnisse. Gezeigt werden die Teufel der jüngsten Vergangenheit wie Josef Stalin (ehemaliger Diktator, UdSSR), Saddam Hussein (ehemaliger Diktator, Irak) und – wer darf da nicht fehlen ? – der ganz bösi-böse Adolf Hitler (böser Oberdiktator weltweit).

Anti-AIDS-Kampagne: Aids is a mass murderer - Motiv: Adolf Hitler

Anti-AIDS-Kampagne: Aids is a mass murderer - Motiv: Adolf Hitler

 

 

Die Kritik konzentriert sich somit auch auf den Werbespot mit Adolf Hitler als aktiver Bumser, der eine Frau von hinten nimmt.

 

 

 

 

 

 

Die Spots mit den anderen Hauptdarstellern sind merkwürdigerweise gar nicht veröffentlicht und werden auch gar nicht diskutiert.

 
James Bond - Darsteller: Sean Connery

James Bond - Darsteller: Sean Connery

 

 

Bei dem Mann mit dem grauen Bart musste ich zuerst an den James Bond Darsteller Sean Connery denken: „Macht der jetzt soziale Werbung gegen AIDS?“.

 

 

 

 

 

Anti-AIDS-Kampagne: Aids is a mass murderer - Motiv: Saddam Hussein

Anti-AIDS-Kampagne: Aids is a mass murderer - Motiv: Saddam Hussein

 

 

Aber nein, der Typ soll Saddam Hussein darstellen.

Wer bitteschön aus der Zielgruppe der 16 bis 30-jährigen kennt überhaupt eine historische Gestalt aus dem Irak?

Noch eher könnten sich Muslime empören, dass Saddam Hussein öffentlich beim Geschlechtsakt mit einer Frau gezeigt wird. Immerhin nimmt er die Frau von vorne (Missionarsstellung); anderenfalls steht auf die andere Art des Geschlechtsverkehrs (also von hinten) wohl eine Strafe in der Scharia drin…?!

Hiierzu sage ich: Darsteller und Thema komplett verfehlt.

 

 

 

 

 

Anti-AIDS-Kampagne: Aids is a mass murderer - Motiv: Josef Stalin

Anti-AIDS-Kampagne: Aids is a mass murderer - Motiv: Josef Stalin

 

 

Und auch Josef Stalin wird nicht diskutiert; er ist zwar auch eine Person, die wie die beiden anderen, millionenfaches Verbrechen zu verantworten hat. Aber irgendwie hat er den Ruch, dass er doch nicht so bösi-böse wie Hitler ist.

Eine Schweizer Zeitung kommentiert wie folgt: http://www.bernerzeitung.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Mit-Hitler-gegen-HIV-Das-bringt-gar-nichts/story/23259831

 

 

 

 

Nun gut. Ich versuche mir eine Meinung zu den Spots zu bilden und versuche sie ersteinmal zu finden, da sie auf youtube schon gelöscht wurden. Die Homepage vom eigentlichen Verfasser, dem Verein Regenbogen, ist leider – wie schon oben gesagt: offline, so dass ich suchen muss.

 

Den Clip gibts im Original hier: zuerst kommt der Radio-Spot, dann der Video-Clip:

http://video.yahoo.com/watch/5930313/15434739

Zu sehen ist der (kommentierte) Hitler-Spot mit einer Stellungnahme von Jan Schwertner des Vereins Regenbogen, eines HIV-Betroffenen hier: http://de.video.yahoo.com/watch/5937342/15449671

Hier die Google-Suche, falls die Links nicht mehr funktionieren sollten: http://video.google.de/videosearch?hl=de&q=hitler+video+aids&lr=lang_de#

Die Videos mit den Darstellern Stalin und Hussein kann ich gar nicht finden. Wahrscheinlich sind die einfach nur öde und langweilig. Wer will die beiden schon beim Sex sehen. Gab es überhaupt Videos mit Stalin und Hussein – oder nur mit Hitler?

Ich konnte die Plakate des Trios finden. Diese sind hier veröffentlicht: http://www.ilovegraffiti.de/de/2009/09/10/aids-ist-ein-massenmoerder 

Wer gerne einen von den dreien bei sich zuhause aufhängen möchte (oh… welch böser Hintergedanke…), der kann sich die Plakate im Aids-Shop sogar kaufen und zuschicken lassen. Das nenne ich – mit Harald Schmidt – ein tolles, ein aussergwöhnliches Geburstagsgeschenk, über das sich bestimmt jeder freut… (Oder auch nicht?)

Zu den Kommentaren und Stellungnahmen.

Das Echo in der Blogosphäre ist nicht gerade riesig. Bei meiner Blogsuche unter http://blogsearch.google.de/blogsearch?hl=de&ie=UTF-8&lr=lang_de&q=hiv+hitler&as_drrb=q&as_qdr=w finde ich gerade einmal 85 Beiträge in der letzten Woche…

Die Deutsche AIDS Hilfe e.V. fordert einen sofortigen Stopp der Kampagne und erteilt dem Verein Regenbogen einen fetten Rüffel (Forderung: Aberkennung der Gemeinnützigkeit). Auch die Kommentare im Blog sind eindeutig.

Hier ein paar Gedankensplitter von mir:

Strohfeuer

Strohfeuer

Sex sells. Und Sex in Kombination mit Hitler und HIV stellt die explosive Mischung dar, die ein ungeheures mediales Strohfeuer in den letzten Tagen ausgelöst hat. Ich benutzt ganz bewusst den Begriff ‚Strohfeuer‘. Ein Strohfeuer brennt explosionsartig ab, verursacht eine unkontrollierbares Feuer, setzt spontan riesige Energiemassen frei und hinterlässt nichts als wenig schwarze Asche und verbrannte Erde.

Genau das ist auch mein Eindruck von dieser Kampagne: sie war ein Strohfeuer. Eigentlich gut gemeint (Präventionsgedanke) und technisch gut umgesetzt (die Sexszenen in dem Video sind gut gefilmt und geschnitten).

Die Reaktionen sind leider nicht die beabsichtigten. Es kann ja wohl nicht sein, dass der Dachverband Deutsche AIDS Hilfe die Aberkennung der Gemeinnützigkeit fordert bzw. sogar die Auflösung eines Vereins, der schon jahrelang wichtige Arbeit leistete. Es geht meiner Meinung nicht an, dass sich die Community intern bekriegt und fertig macht. Da wurde etwas über das Ziel hinaus geschossen; das geht sachlicher.

 
mach's mit - Motiv aus 2006

mach's mit - Motiv aus 2006

Die Kampagne hat immerhin bewirkt, dass über das Thema HIV und AIDS wieder gesprochen wurde.

 

Mit Gurken und Möhren gelingt das nuneinmal nicht.

 

Oder hat jemand in der letzten Zeit mitbekommen, dass die braven Plakate der BZGA mit Gemüse im Kondom einen Medienrummel verursacht hätten? Ich nicht!

 

 

 

Medienrummel ist zunächst eine neutrale Beschreibung. Es kommt drauf an, was davon übrig bleibt. Um beim Begriff des Strohfeuers zu bleiben: Ich befürchte, dass nichts inhaltliches von dieser Kampagne übrig bleiben wird. Vielmehr bleiben viele Themen und auch Vorurteile unbehandelt stehen:

„Was geht mich das an?“ Gerade Heteros sollen mit dem Spot angesprochen werden. Dies gelingt eigentlich  nur dann, wenn man sich mit den Akteuren in einem Spot identifizieren kann, wenn das ganze eher positiv besetzt ist. (Ich denke hier sofort an den Kult-Spot mit Ingolf Lück und Hella von Sinnen: )

Aber wer bitteschön möchte sich als Hetero-Mann schon mit bösi-böse-Adolf oder den senilen Greisen Stalin und Hussein identifizieren??? Und welche Frau würde mit diesen Gestalten schon freiwillig ins Bett gehen?

Hitler steht für Strafrechtsverschärfungen gegen Schwule. § 175 Strafgesetzbuch, Todesstrafe für Schwule, Verschärfte Strafhaft sowie Rosa-Winkel für Häftlinge in Konzentrationslagern sind nur einige Stichworte für das grausame Treiben während der Nazi-Herrschaft. Er ist ‚der Kopf‘ der tonangebend für diese Maßnahmen steht.

Wenn man dieses als Schwuler im Hinterkopf hat und selbst von HIV betroffen ist, dann ergibt das eine Mischung mit ekligem Beigeschmack, wenn der gleiche Hitler dann im Zusammenhang mit einer Präventionsmaßnahme gegen HIV-Infektionen auftaucht.

Liebe AIDS-Hilfe in Saarbrücken: Vielen Dank für Euer langjähriges Engagement – aber produziert demnächst bitte mal eine kreative Kampagne, auf die man stolz sein kann und für die man sich nicht schämen muss.

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