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nur noch die Rücklichter

nur noch die Rücklichter - Am Bahnsteig: Zug von hinten - Foto: kb-fotodesign @ fotocommunity.de

Heute war die verstorbene Tante nochmals aufgebahrt. So konnten Nachbarn und andere Verwandte von ihr Abschied nehmen. Es kamen vor allem die Verwandten, die am Todestag nicht zuhause waren.

Wie ich hörte, flossen bei diesem Abschied viele Tränen: vor allem bei den Angehörigen, die die Tante in den letzten Monaten nicht mehr besucht hatten  und denen das nun leid tut.

Wenn es um Leben und Tod geht, dann gibt es auch ein absolutes „zu spät“. Einem verpassten Zug kann man hinterherfahren, einen verpassten Einkauf kann man an der Tankstelle nachholen.

Aber jemanden in den Arm nehmen, eine Dummheit aus der Welt zu schaffen, jemanden um Verzeihung bitten, jemanden lieben – das geht nur eine bestimmte Zeit lang. Und irgendwann ist es zu spät.

Ich habe an Weihnachten und an Neujahr sehr viele Stunden damit verbracht Weihnachts- und Neujahrsgrüße zu verschicken: Grüße an irgendwelche virtuellen gayromeo und facebook-Profile, die ich teilweise gar nicht persönlich kenne. Und ich habe darüber vergessen, meine geliebten Menschen aus der nächsten Nähe zu besuchen, ihnen die Hand zu drücken, sie einfach durch meine Anwesenheit lieb zu haben und wertzuschätzen.

Das ist für mich ärgerlich, unverzeihlich, peinlich. Dafür schäme ich mich ganz einfach. Statt bescheuerter virtueller Grüße hätte ich viel besser diese Tante im Wohnheim für nur eine Stunde besuchen können. Aber ich habe es nicht getan. Und nun kann ich es nicht mehr ändern.

Das ist sehr schade.

Ich habe von einer anderen Verwandten am Sterbebett das Gedicht „O lieb‘, solang du lieben kannst!“ von Ferdinand Freiligrath gehört, das ich sogar im Internet gefunden habe und hier anhänge:

Franz Liszt hat die ersten vier Strophen davon vertont – es gibt ein YouTube-Video:

O lieb‘, solang du lieben kannst!

O lieb‘, solang du lieben kannst!
O lieb‘, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Und sorge, daß dein Herze glüht
Und Liebe hegt und Liebe trägt,
Solang ihm noch ein ander Herz
In Liebe warm entgegenschlägt!

Und wer dir seine Brust erschließt,
O tu ihm, was du kannst, zulieb‘!
Und mach‘ ihm jede Stunde froh,
Und mach ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl,
Bald ist ein böses Wort gesagt!
O Gott, es war nicht bös gemeint, –
Der andre aber geht und klagt.

O lieb‘, solang du lieben kannst!
O lieb‘, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Dann kniest du nieder an der Gruft
Und birgst die Augen, trüb und naß,
– Sie sehn den andern nimmermehr –
Ins lange, feuchte Kirchhofsgras.

Und sprichst: O schau‘ auf mich herab,
Der hier an deinem Grabe weint!
Vergib, daß ich gekränkt dich hab‘!
O Gott, es war nicht bös gemeint!

Er aber sieht und hört dich nicht,
Kommt nicht, daß du ihn froh umfängst;
Der Mund, der oft dich küßte, spricht
Nie wieder: Ich vergab dir längst!

Er tat’s, vergab dir lange schon,
Doch manche heiße Träne fiel
Um dich und um dein herbes Wort –
Doch still – er ruht, er ist am Ziel!

O lieb‘, solang du lieben kannst!
O lieb‘, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

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