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Bin ich schuld?

Bin ich schuld?

In meinem Posting hatte ich meine Gedanken zum Thema Schuld + HIV-Infektion geschrieben.
Dieses Thema finde ich nun in einem anderen aktuellen Zusammenhang: Es geht um eine Gerichtsverhandlung vor dem Landesarbeitsgericht Berlin. Dort findet heute eine Berufungsverhandlung gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Berlin statt, in welchem die Klage eines Chemielaboranten gegen seine Kündigung abgewiesen wurde. Der HIV-Positive möchte erreichen, dass seine Kündigung für rechtswidrig erklärt wird.

Dazu gibt es einen interessanten Kommentarwechsel auf ondamaris.de der sich nicht auf das rein rechtliche beschränkt; dort werden auch moralische Gründe („Schuld“) angeführt.

So schreibt Michael auf ondamaris.de

Bei eurer Selbstgefälligkeit konnte ich Kotzen! Ich bin auch positiv, aber im Gegensatz zu dir / euch glaube ich nicht , dass jeder Mensch unsere selbstverschuldete Infektion mit totaler Liberalität entgegentreten muss. Wenn der Typ gefeuert wurde, ist es einfachmal scheisegal, denn in der Probezeit braucht man keinen Grund . Ich finde es zum Kotzen, dass etliche, aber zum Glück nicht alle Positive ihre Infektion ausnutzen, (um) damit den größtmöglichen Vorteil, Mitleid und Ansprüche geltend (zu) machen.

Darauf antwortet Ernst auf ondamaris.de mit interessanten Argumenten

Zum Thema selbstverschuldet – bei den meisten – aber nicht bei allen – erfolgt die Übertragung über die Sexualität:  eine sehr menschliche Angelegenheit ohne die wir aussterben würden. Bei einem streng moslimischen oder katholischen Weltbild (…) wäre die Verbreitung von HIV sicherlich gering.
Wenn Untreue mit Steinigung bestraft wird, hält sich auch hier eine Verbreitung von Sexualerkrankungen in Grenzen. In der Vergangenheit war dies vermutlich eine Antwort auf die grausame Natur, der wir Menschen ausgesetzt sind.

Aber heute?

Wir haben uns in unserer modernen Gesellschaft weiterentwickelt. Seuchen schienen medizinisch ausgerottet, es gab darüber hinaus die Pille und es gibt die sexuelle Emanzipation – sehr viel Freiheit und viele Experimente waren möglich – mit HIV hat keiner gerechnet und es war eine emotionale und gesundheitliche Katastrophe. Heute allerdings ist bereits ein entscheidender medizinischer Fortschritt zu sehen.

Ernst argumentiert mit Verweis auf die grausame Natur und die damaligen harten Regeln, um Konsequenzen aus „nicht-natürlichem“ Verhalten zu vermeiden.

Das hilft aber heute nicht weiter: Moralische Grenzen entwickeln sich weiter. Verhalten, was früher von der Gesellschaft nicht akzeptiert wurde, wird heute als Standard angesehen.
Die Frage nach meiner individuellen, ganz persönlichen (ethischen) Schuld wird immer bleiben. Die Frage danach ändert sich zwar, wird aber niemals völlig weg fallen.

Darauf muss jeder für sich seine eigene Antwort finden.

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